Bekanntlich mußte der erste Mäzen der Wiener Werkstätte, Fritz Waerndorfer, 1914 unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse (und dem seiner Familie) mit einem „One-way-ticket“ Richtung Amerika Abschied nehmen38, und die Wiener Werkstätte, Productivgenossenschaft von Kunsthandwerkern in Wien registrierte Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung trat in Liquidation, wurde aber gleichzeitig als Betriebsgesellschaft m. b. H. der Wiener Werkstätte Productivgenossenschaft für Gegenstände des Kunstgewerbes wiedergegründet. Die größten Gesellschafteranteile, knapp 30%, erwarben der Reichsratsabgeordnete Robert Primavesi und sein Cousin, der mährische Großindustrielle Otto Primavesi bzw. seine Frau Eugenie (Mäda).39

38. Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22), 96; es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, die Geschichte der Wiener Werkstätte hier detailliert zu referieren, vgl. dazu: Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22) und Herta Arbeithuber: Die Wiener Werkstätte von 1903–1932. Ein Unternehmen im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Idealismus und wirtschaftlicher Pragmatik — Eine Chronologie der Unternehmensgeschichte. Dipl. Arb., Linz 1995; Baroni, d’Aurio: Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 12); Jane Kallir: Viennese Design and the Wiener Werkstätte, London 1986.39. Das Stammkapital der Gesellschaft betrug 830.000,– Kronen und setzte sich aus 660.000,– Kr. Bareinlagen und 170.000,– Kr. Sacheinlagen (aus der Genossenschaft) zusammen. Die Stammeinlage von Robert Primavesi betrug 100.000,– Kr., jene von Otto und Mäda je 50.000,–. Neben den künstlerischen Mitarbeitern der Wiener Werkstätte, Josef Hoffmann, Otto Prutscher und Eduard J. Wimmer, erwarben vor allem Auftraggeber und Kunden Gesellschaftsanteile. Vgl. dazu Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22), 96f. bzw. Herta Arbeithuber: Die Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 38), 65f.Die Familie Primavesi stammte aus der Lombardei, übersiedelte Ende des 18. Jh. nach Olmütz und nahm rasch eine der höchsten Positionen in der Finanz- und Wirtschaftswelt Mährens ein. Otto Primavesi (Olmütz 1868–1926 Wien) war laut Kuno Grohmann einer der reichsten Industriellen Mährens, der mit seinem Bruder gemeinsam die 2/3 Majorität des Vereines mährischer Zuckerfabriken, die Flachsspinnerei in Lichtenwerden, die Jutespinnerei im Würbenthal und ein Bankhaus in Olmütz besass. (Kuno Grohmann: Geschichtlicher Rückblick auf die Ereignisse in der Wiener Werkstätte, o. J., S. 1. Die Kopie des 30seitigen Typoskriptes, das Werner J. Schweiger mit 1930 datiert, wurde uns für diesen Aufsatz dankenswerterweise vom Kunstarchiv Werner J. Schweiger zur Verfügung gestellt.)Eugenie Primavesi (Wien 1874–1962 Wien), geb. Butschek, stammte aus der Familie eines Bahnbeamten, die um die Mitte des 19. Jh. nach Langenzersdorf zog. Nach einer Schauspielausbildung spielte sie unter ihrem Künstlernamen Mäda — den sie in der Folge beibehielt — in Prag und Olmütz, wo sie Otto Primavesi kennenlernte und 1894 heiratete. Der Ehe von Otto und Mäda Primavesi entstammen vier Kinder: Otto (1898–1985), Lola (1900–?), Mäda (1903–2000) und Melitta (1908–?). Vgl. Pavel Zatloukal: Anton Hanak und die Mäzenatenfamilie Primavesi. In: Friedrich Grassegger, Wolfgang Krug (Hrsg.): Anton Hanak (1875–1934), Wien, Köln, Weimar 1997, 114 und Franz Planer (Hrsg.): Das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft 1929. Biographische Beiträge zur Wiener Zeitgeschichte, Wien 1929, 492.