Aufgrund der bisher bekannten von Josef Hoffmann entworfenen Exlibris konnte man meinen, daß der Künstler kurz nach der Jahrhundertwende sein Interesse an der Gestaltung von Exlibris verloren hatte und sich auf kunstgewerbliche Entwürfe konzentrierte. Bisher unveröffentlichte, sich im Privatbesitz der Familie Margareta und Götz Primavesi befindliche Exlibris- bzw. Exlibrisentwürfe belegen nun, daß sich der Künstler auch in den 20er Jahren gelegentlich mit diesem Medium beschäftigte.II. Die Anfänge der Wiener Werkstätte
In seiner autobiographischen Skizze Selbstbiographie34 beschreibt Josef Hoffmann die Gründung der Wiener Werkstätte: 1903 seien Kolo Moser und er wieder einmal verzweifelt beim Mittagessen zusammengesessen und hätten die Notwendigkeit der Gründung von Künstlerwerkstätten beklagt. Ihr Tischgenosse, der Bankier und Kunstsammler Fritz Waerndorfer, hätte sie gefragt, welche Mittel sie für den Beginn einer solchen Unternehmung brauchten. Als die Künstler meinten, 600 Kronen würden ausreichen, hätte Waerndorfer lachend den Betrag auf den Tisch gelegt. Er und Moser wären sofort bereit gewesen, die Sache zu beginnen, schreibt Hoffmann. Sie hätten sich noch am selben Tag in eine kleine Wohnung eingemietet und diese mit einigen spontan gekauften Biedermeiermöbeln eingerichtet. Abends seien die beiden dann in ihrem frischbezogenen Studio gesessen und hätten überlegt, was nun zu tun sei. Unsere Finanzen waren durch den Bedarf des ersten Tages vollständig aufgebraucht, und wir wußten nicht, wie wir Wärndorfer dieses Debakel mitteilen sollten. Wärndorfer lachte, tröstete uns und versprach, sich mit seiner Mutter zu beraten, wie man ein größeres Kapital zur Gründung von umfassenden Werkstätten aufbringen könnte. Er hatte in einigen Tagen einen Betrag von fünfzigtausend Kronen beisammen [...]35, beendet der Künstler den Bericht von der Geburtsstunde der Wiener Werkstätte. Diese Geschichte, die freilich nur den Charakter einer vergnüglichen Anekdote hat36, beschreibt dennoch paradigmatisch das Spannungsfeld, in dem sich die 29 Jahre währende wechselvolle Geschichte der heute weltberühmten Experimentierwerkstatt für Kunstgewerbe von Anfang an vollzog: zwischen innovativem künstlerischem Wollen und der Bereitschaft großbürgerlicher Mäzene, für dieses Experiment Kapital zur Verfügung zu stellen, weil diese, ohne Zweifel ausgestattet mit ehrlicher Leidenschaft für die Kunst37, damit auch ihr eigenes Selbstverständnis als der auf die Zukunft ausgerichtete Teil der Gesellschaft demonstrieren konnten.
34. Josef Hoffmann: Selbstbiographie. In: Hilde Spiel u. a. (Hrsg.): Ver Sacrum, Neue Hefte für Kunst und Literatur, 4.1972, Ausgabe B, Wien 1972, 104-123.
35. Josef Hoffmann: Selbstbiographie (s. o. Anm. 34), 111.
36. Hoffmanns Idee einer Werkstätte für Kunsthandwerk kann bis ins Jahr 1902 zurückverfolgt werden. Vgl. dazu Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22), 22ff. und Baroni, d’Aurio: Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 12), 50f.
37. Baroni, d’Aurio: Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 12), 56, Fußnote 9.