Diese Reduktion der menschlichen Gestalt auf eine Linie kann als Hommage des Künstlers als auch indirekt des Eigners des Exlibris an die Glasgower Künstlergruppe „The Four“24 gelesen werden, da Hoffmann und Waerndorfer seit der Ausstellung insbesondere mit den Mackintoshs in einem intensiven Austausch standen. Das Ehepaar gestaltete 1902 auch Waerndorfers Musiksalon25, und Charles Rennie Mackintosh, der den Plan Mosers und Hoffmanns, in Wien eine Werkstätte für Metallarbeiten einzurichten, enthusiastisch begrüßte, diskutierte mit Hoffmann, Moser und Waerndorfer die künstlerische Programmatik einer solchen Einrichtung.26 Für Helmut Franck, der zwar ebenfalls auf die Anlehnung an die Glasgower Jugendstilgruppe hinweist, verkörpert das Exlibris dagegen mit seiner punktförmige[n] Umrandung sowie die in die Gesamtwirkung einbezogene Schrift geradezu den Prototyp der Wiener Jugendstilauffassung.27

Die weibliche Triade auf dem Exlibris für Fritz Waerndorfer verweist darüber hinaus auf ein zentrales Symbol der Wiener Secessionisten. Schon der Umschlag des ersten, von Alfred Roller gestalteten Ver Sacrum-Heftes zeigt ein blühendes, die Dauben des zu eng gewordenen Holzgefäßes sprengenden Bäumchens, das von drei leeren Wappenschilden bedeckt wird. Die Schilde symbolisieren die drei — gleichwertigen — Kunstgattungen Architektur, Malerei und Skulptur und werden von den Secessionsten immer wieder auch in Form von drei weiblichen Gestalten versinnbildlicht28 — vermutlich auch auf dem im selben Zeitraum von Kolo Moser entworfenen Exlibris für Fritz Waerndorfer, das im Vordergrund drei, in lange Mäntel gehüllte Frauen zeigt.29
24. Der schottische Architekt und Designer Charles Rennie Mackintosh bildete mit seinen Studienkollegen J. Herbert McNair und den Schwestern Margaret und Frances Macdonald (ihren späteren Ehefrauen) die Gruppe „The Four“, die ab 1890 mit kunstgewerblichen Entwürfen in die Öffentlichkeit trat. Die Gruppe wurde von Josef Hoffmann 1900 zur 8. Secessionsausstellung, einer Leistungsschau des österreichischen und internationalen Kunstgewerbes, eingeladen und war bei der Ausstellung für die Einrichtung und Dekoration eines Raumes verantwortlich. Ihre geometrisierende Formauffassung beeinflußte in der Folge den Wiener Jugendstil entscheidend: Nur eine kurze Zeit vor der Jahrhundertwende folgten die Wiener Kunstschaffenden dem floralen Jugendstil, wie er im Ausland vertreten wurde. Ab 1900 wurde der in Wien kreierte ‚geometrische Aspekt‘ für einige Jahre formbestimmend und stand somit mit Ausnahme des Oevres des Schotten Charles Rennie Mackintosh in diametralem Gegensatz zu der übrigen europäischen Kunstbewegung. Die 1900 in der VIII. Secessionsausstellung gezeigten Objekte des Glasgower Ehepaares C. R. Mackintosh und Margaret Macdonald trugen sicher zur Sensibilisierung Hoffmanns in bezug auf neue Akzente bei. Der Schwarz-Weiß-Kontrast, die Eleganz der Innenräume und die vereinzelt eingesetzte quadratische Ornamentik des Schotten waren von großem Vorbildcharakter. (Elisabeth Schmuttermeier: Die Wiener Werkstätte. In: Wien um 1900, Kunst und Kultur, mit Textbeiträgen von Maria Auböck u. a., Christian Brandstätter: Wien, München 1985, 192f.) Zur 8. Secessionsausstellung vgl. Werner J. Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22), 15ff.; Marian Bisanz-Prakken: Heiliger Frühling (s. o. Anm. 21), 24f.; Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession (Hrsg.): Die Wiener Secession, Teil 2: Die Vereinigung bildender Künstler 1897–1985, Wien, Köln, Graz 1986, 27f.25. Vgl. dazu Egger u. a.: Ein moderner Nachmittag (s. o. Anm. 22).
26. Vgl. dazu Schweiger: Wiener Werkstätte (s. o. Anm. 22), 22ff.
27. Helmut Franck: Jugendstil-Exlibris, Leipzig 1984, 114.
28. Vgl. dazu Bisanz-Prakken: Heiliger Frühling (s. o. Anm. 21), 16 und Bernhard Denscher: Österreichische Plakatkunst 1898–1938, Wien 1992, 39 und das Secessionsplakat von Kolo Moser zur 13. Ausstellung (Abb. in Denscher, 43) bzw. jenes von Alfred Roller zur 16. Ausstellung (Abb. in Denscher, 43).
29. Vgl. dazu C. Karolyi, A. (Smetana)-Mayerhofer: Das Glück des Sammelns. Die Exlibris-Sammlung Ankwicz-Kleehoven in der ÖNB, Biblos 46, 1 (1997) 110f.