Warum finden auch in dieser Arbeit Josef Hoffmanns Exlibris keinerlei Erwähnung? Schließlich kann keiner der oben genannten Künstler als Exlibris-Künstler im engeren Sinn bezeichnet werden, sondern hat sich wie Hoffmann mit dem Exlibris nur als einen Aspekt des Gesamtkunstwerkes Buch beschäftigt. Aber obwohl Josef Hoffmann der Secession ursprünglich als Graphiker beitrat12, im Ver sacrum nicht nur zahlreiche buchgraphische Entwürfe präsentierte, sondern 1898 mit Moser und Roller auch die Redaktion des Ver Sacrum leitete, wurde der Künstler bislang vor allem als Architekt und Kunstgewerbler rezipiert, während sein eminent graphisches Talent [...] niemals genügend gewürdigt13 wurde. Darüber hinaus stützte sich Heinrich R. Scheffer bei der Besprechung der Exlibris-Künstler der Wiener Werkstätte vermutlich auf Exlibris der eigenen Sammlung und besitzt die raren Hoffmann-Blätter — das 1903 im Ver Sacrum vorgestellte Exlibris existiert ja quasi nur als Entwurf — nicht.

Das von Leiningen-Westerburg als echt modernes Exlibris bezeichnete und mit 1901 datierte Bücherzeichen für Alma Schindler (vgl. Abb. 1) wurde in zwei Farbvarianten — blau bzw. grün — gedruckt14. Es spiegelt die für Hoffmanns graphische Arbeiten typische Formensprache um 1900 wider, und sein abstraktes, symmetrisches Linienornament weist verblüffende Ähnlichkeiten mit im Ver Sacrum15 publizierten Buchschmuckentwürfen Hoffmanns auf (vgl. Farbbild 2, 3). Sowohl das Bücherzeichen für Alma Schindler als auch die Entwürfe im Ver Sacrum vermitteln seine Freude am intuitiven Verfolgen einer Kurve16  bzw. legen wie andere erhaltene Zeichnungen Hoffmanns auch heute noch ein beredtes Zeugnis davon ab, daß er das Entwerfen von Ornamenten und Mustern als kreative Gedankenübung, aber auch geradezu zwanghaft betrieb. [...] Er kann bestimmte Dekorformen, einmal erfunden, unendlich variieren und solange in den unterschiedlichsten Zusammenhängen wiederholen, bis neue Linienformationen ihn beschäftigen17.

12. Vgl. Danile Baroni, Antonio d’Aurio: Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte, Stuttgart 1984, 19.
13. Hans Ankwicz-Kleehoven: Josef Hoffmann. In: Große Österreicher. Neue Österreichische Biographie ab 1815, Bd. 10, Wien, Zürich, Leipzig 1957, 178; vgl. auch Eduard F. Sekler: Josef Hoffmann. Das architektonische Werk, Monographie und Werkverzeichnis, 2. überarb. Auflage, Salzburg, Wien 1986, der im Kapitel „Spätwerk“ ebenfalls anmerkt, daß Hoffmanns Entwürfen zu Bucheinbänden, seiner Buchausstattung als auch seinen freien graphischen Blättern bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde (vgl. 226 und Fußnote 25, 26).
14. Da das Exlibris sich nicht im Bestand der ÖNB befindet, wurde es uns freundlicherweise von Peter Rath, Sammler und Archivar der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft, zur Verfügung gestellt.
15. Vgl. Vereinigung bildender Künstler Österreichs (Hrsg.): Ver Sacrum, Mitteilungen der Vereinigung bildender Künstler Österreichs, Heft 5, 1900, Wien 1903, 67 und 74.
16. Sekler: Josef Hoffmann (s. o. Anm. 13), 228.
17. Angela Völker: Josef Hoffmanns Gesamtkunstwerk. Ornament und Muster. In: Peter Noever, Oswald Oberhuber (Hrsg.): Josef Hoffmann 1870–1956. Ornament zwischen Hoffnung und Verbrechen, Wien 1987, 15.