Die Wiener Werkstätte und ihre Exlibris Künstler

von Heinrich R. Scheffer

Vor 90 Jahren ist nicht nur die Österreichische Exlibris-Gesellschaft gegründet worden, sondern in das Jahr 1903 fällt auch die Gründung der Wiener Werkstätte als "Productivgenossenschaft von Kunsthandwerkern in Wien registrierte Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung". Es galt, die "... Förderung der wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder durch Schulung und Heranbildung derselben für das Kunstgewerbe, durch Anfertigung von Gegenständen aller Gattungen des Kunsthandwerks nach künstlerischen, von Genossenschaftsmitgliedern hergestellten Entwürfen und durch die Errichtung von Werkstätten und den Verkauf der erzeugten Waren."
scheff4Hinter dieser sehr offiziellen Bezeichnung im Handelsregister verbirgt sich eine Initiative von zwei fortschrittlichen Wiener Künstlern und einem Mäzen. Es waren dies Josef Hoffmann und Koloman Moser, beide k.k. Professoren an der Kunstgewerbeschule in Wien und Fritz Waerndorfer, ein kunstsinniger, weitblickender, begeisterungsfähiger und vor allem finanzkräftiger Bankier. Sie wollten das eher theoretische Manifest der Wiener Sezession in die Tat umsetzen und mit Leben erfüllen "Stilkunst" sollte das "Gesamtkunstwerk" anstreben und die Werke der Sezessionisten sollten "alle Bereiche des Lebens umfassen". Hoffmann und Moser fühlten sich innerhalb der Sezessionsbewegung für das Kunstgewerbe verantwortlich und versuchten, das heimische Kunsthandwerk und seine Techniken zu beleben. Sie sollten nach den neuen Kriterien reformiert werden, wie es Ashbee und seiner Werkstätte in London gelungen war. Kunst sollte für jedermann erschwinglich sein, der Handwerker nicht nur als anonyme "Verfertigungsmaschine" dienen, sondern mit dem Entwerfer und auch mit dem Käufer in Kontakt treten können.
Schon in der VIII. Ausstellung der Wiener Sezession im Herbst 1900, in der die Arbeiten des schottischen Ehepaars Margaret und Charles Rennie Macintosh präsentiert wurden, fand eine Sensibilisierung für die Erneuerung des Kunsthandwerks statt. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Kontakte der Gründer der Wiener Werkstätte mit der englischen Kunsthandwerksphilosophie und ihren Proponenten, die zu einem regen Besuchs- und Gedankenaustausch führten. So lässt sich eine direkte Linie von London nach Wien ziehen, und in einer Genossenschafts-Werkstätte glaubten Hoffmann und Moser am ehesten diese neuen Grundsätze verwirklichen zu können.